Weihnachtstraditionen und Bräuche: Der Adventskranz

Ein Weihnachtsmärchen im Fernsehen im Hintergrund und eine brennende Kerze am Adventskranz. (Erstellt von Gemini AI)
Ein Adventskranz darf bei uns zu Hause einfach nicht fehlen. Es ist meine alljährliche Tradition, fast schon ein Ritual, ohne das der Advent gar nicht richtig beginnen würde. Deshalb schnappe ich mir immer Rucksack und Handschuhe und mache mich auf den Weg in den Wald, um Tannenzweige zu holen. Tannen nadeln nämlich nicht so schnell wie Fichten, behalten wunderbar ihre Form und ihr Duft erinnert mich sofort an meine Kindheit und die erste brennende Kerze.

Wenn ich Glück habe, stoße ich auf Haufen bereits gefällter Tannen von den Waldarbeitern und nutze vor allem diese Zweige. Oder ich sammle Zweige von Bäumen, die bereits gebrochen oder umgefallen sind – quasi natürliches Recycling in seiner schönsten Form. Manchmal wird es aber auch dramatisch: Einmal fiel schon Tage vor dem ersten Advent so viel Schnee, dass ich die Tannenzweige einfach nicht erreichen konnte. Da musste ich mir mit Fichtenzweigen behelfen. Nun ja... sie dufteten gut, aber es war einfach nicht dasselbe. Tanne bleibt Tanne. Ich liebe den Adventskranz auch wegen des Gestaltens. Dieser Moment, wenn ich den Bindedraht in die Hand nehme, einen Zweig an den anderen lege, alles herrlich duftet und ich spüre, dass etwas Besonderes beginnt. Und dann das Dekorieren – das ist erst eine Freude! Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt und jedes Jahr entsteht ein ganz anderer Kranz mit eigenem Charakter. Dieses Jahr habe ich nichts riskiert. Ich bin eine Woche früher losgezogen, und wie gut das war – am Montag (24.11.) hat es geschneit. Wäre ich später gegangen, wäre ich wieder bei den Fichten gelandet. Aber dieses Jahr? Dieses Jahr ist der Kranz wunderschön, duftend und genau so vorbereitet, wie ich es mir vorgestellt habe. Und wisst ihr eigentlich, woher der Adventskranz kommt? Was all die Kerzen bedeuten? Wie aus einem einfachen Kreis grüner Zweige ein Symbol wurde, ohne das wir uns den Advent nicht vorstellen können? Nein? Dann macht es euch gemütlich, ich erzähle es euch.

Die Geschichte des Adventskranzes

Wenn ich über den Adventskranz spreche, darf ich nicht vergessen, dass seine Wurzeln viel weiter zurückreichen, als es auf den ersten Blick scheint. Gleichzeitig ist seine „moderne“ Form, wie wir sie heute kennen, relativ jung und entstand aus dem Bedürfnis nach einem einfachen, sinnvollen Ritual.

Die Anfänge bei Johann Hinrich Wichern

Im Jahr 1839 hatte der lutherische Pastor Johann Hinrich Wichern (1808 - 1881) eine Idee, die das Warten auf Weihnachten für die Kinder in seinem Erbehaus („Rauhes Haus“) in Hamburg veränderte. Da die Kinder ständig fragten: „Wann ist endlich Weihnachten?“, nahm Wichern ein altes Wagenrad aus Holz und befestigte 34 Kerzen darauf: kleine rote für die Werktage und vier große weiße für die Adventssonntage. Jeden Tag im Advent durften die Kinder eine kleine Kerze anzünden und jeden Sonntag eine weiße. So konnten sie die Tage bis Weihnachten visuell abzählen, und ihre Erwartung wuchs stetig. Dieser Kranz hing im Betsaal, und der Effekt war großartig: Die Kinder hatten etwas zum Nachdenken, das Warten bekam eine konkrete Form und das Licht begleitete sie immer mehr.

Entwicklung zur heutigen Form

Im Laufe der Zeit wuchs und veränderte sich die Tradition des Kranzes. Um 1860 begann man, den Holzkreis mit grünen Tannenzweigen zu schmücken, was dem Kranz die Symbolik der Ewigkeit und des beständigen Lebens verlieh. Der ursprünglich große Kranz mit Dutzenden von Kerzen vereinfachte sich: Heute haben die meisten Adventskränze vier Kerzen, eine für jede Adventswoche. Obwohl es als protestantische Initiative begann, verbreitete sich die Tradition schnell auch in katholischen Gebieten. Der erste Adventskranz in einer katholischen Kirche wurde bereits 1925 in Köln verzeichnet, in München folgte er einige Jahre später.

Symbolik und Bedeutung in der Geschichte

• Die kreisförmige Form des Kranzes hat keinen Anfang und kein Ende, sie symbolisiert die Ewigkeit und Gottes unendliche Liebe.
• Das heute übliche Tannengrün fügte das Symbol des beständigen Lebens hinzu, selbst im Winter und in der Dunkelheit.
• Die Kerzen, die Wichern verwendete, hatten eine Doppelfunktion: Die kleinen roten markierten die Werktage, die großen weißen die Adventssonntage – das machte das Warten visuell und geistig sinnvoll.

Bedeutung des Adventskranzes und der Kerzen

Und nun zu dem, was der Kranz wirklich bedeutet. In seiner heutigen Form hat jede der vier Kerzen ihre eigene Geschichte und Symbolik:

Die erste Kerze „Hoffnung“: erinnert an die Prophezeiung der Ankunft des Messias, ein Symbol der Erwartung und des Glaubens.
• Die zweite Kerze „Frieden“: symbolisiert Liebe, Bereitschaft und die innere Ruhe, die der Advent bringt.
• Die dritte Kerze „Freude“: oft rosa (Gaudete), feiert die Freude über die nahende Ankunft Jesu – eine etwas leichtere Woche zwischen dem Ernst der ersten beiden.
• Die vierte Kerze „Liebe“: steht für das Licht und den Frieden, den Christus in die Welt und in unsere Häuser bringt.
Manchmal wird in der Mitte des Kranzes eine Christuskerze hinzugefügt, die am Heiligabend als Erinnerung an die Geburt Jesu entzündet wird.

Das Paradeisl – der österreichische Vorläufer

Traditionelles Paradeisl – Pyramidenkonstruktion aus Äpfeln und Zweigen. (Erstellt von Gemini AI)
Es ist interessant, dass Wicherns Adventskranz nicht die allererste Idee war. In Österreich und Bayern existierte das sogenannte Paradeisl.

• Es bestand aus Nadelzweigen (Tanne oder Buchsbaum) und hatte eine Pyramidenkonstruktion mit vier Äpfeln an den Ecken.
• In jeden Apfel wurde eine Kerze gesteckt. Zusätzlich wurde es oft mit getrockneten Früchten, Nüssen und Gebäck verziert.
• Das Paradeisl war älter als der moderne Adventskranz und symbolisierte das Paradies, die Dreifaltigkeit und erinnerte daran, dass auch im Winter das Leben präsent ist. 

Von der Vergangenheit bis heute

Heute können wir den Adventskranz fast beliebig gestalten: minimalistisch, luxuriös, natürlich, bunt. Aber der Kern bleibt gleich: Das Licht, das jeden Sonntag wächst, ein Symbol der Hoffnung. Es ist kein bloßes Dekorationsstück. Es ist ein kleines Ritual, das die kindliche Vorfreude mit einer Geschichte verbindet, die bis zu Wicherns pädagogischer Idee, dem Paradeisl und sogar bis zu den heidnischen Wurzeln der Wintersonnenwende zurückreicht. Wenn wir die erste Kerze anzünden, ist das nicht nur ein schönes Bild. Es ist eine lebendige Geschichte, die sich in unseren Familien jedes Jahr wiederholt.

Detailansicht eines reich verzierten Adventskranzes mit roten Kerzen. (Erstellt von Gemini AI)

Diese Tradition hat sich auch bei Atheisten eingebürgert – für die einen ist sie ein Symbol des Glaubens, für die anderen eine Erinnerung an uralte Bräuche oder einfach ein gemütlicher Teil des Zuhauses ohne religiösen Hintergrund. Es ist das Symbol des Herunterzählens der Tage bis Weihnachten, die Erwartung von etwas Liebevollem. Und mit der vierten brennenden Kerze kommt die Zeit, in der sich die Familie an einem Tisch versammelt. Der Adventskranz ist also nicht nur eine Frage des Glaubens, sondern eine Tradition, die wir bewahren sollten. Und wie ist es bei euch? Kauft oder bastelt ihr eure Adventskränze? Fotografiert euren Kranz und teilt ihn auf Instagram mit dem Hashtag #vanocesbobisem, damit wir uns inspirieren lassen können.

Ich wünsche euch einen schönen Tag. Wenn es dunkel wird, zündet die erste Kerze an, entspannt euch bei einem Märchen und lasst euch vom Warten auf Weihnachten mit Ruhe erfüllen. Mit jeder brennenden Kerze rückt die Zeit näher.

Einen schönen ersten Adventssonntag voller Hoffnung auf ein besseres Morgen und Zeit mit euren Lieben, frei von Kriegen und Krankheiten. Einen angenehmen restlichen Tag!


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Illustration erstellt mit Gemini KI.

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